Normwert Yoga | gezählt, nicht gelebt
Über Verstand, Intelligenz und die Gefahr einer normierten Yogapraxis
Eine der zu erwähnenden Gefahren einer Yogapraxis, die dem westlichen Narrativ entspricht – die Fokussierung auf Körper-, Atem- und Konzentrationsübungen –, besteht darin, eine bereits im westlichen „Denken-Wahrnehmung“ bestehende Dysbalance „tiefer an das System zu tragen“.
Diese „Denkweise“ hebt das Normative, also jenes, das gezählt werden kann, oder jenes Unzählbare, das „zählbar gemacht wird“ und somit ad absurdum geführt wird, auf den Thron der Wahrheit. Gesundheit wird heute fast ausschließlich über einen Zustand „im Bereich der Normwerte“ angesehen, vollkommen unabhängig davon, ob ein Mensch sich lebendig, inspiriert, fried- und freudvoll fühlt. Wer kennt es nicht: die Bestätigung der Medizin, dass „alle Werte in Ordnung sind“, und das gleichzeitige Empfinden, dass überhaupt nichts in Ordnung ist.
Verstand und Intelligenz
Wir sind heute also weit weniger verstandsorientiert – Verstand hier im Sinne von Vernunft und Unterscheidungsvermögen (Intuition, Inspiration, Logik – nicht das Errechnen von 1 + 1, sondern das Wissen, warum es so ist, das Sehen der Gesetzmäßigkeit in allen Aspekten des Lebens –, das Erkennen von Vielschichtigkeit und Mustern, „Gott in allem sehen“), als viel mehr intelligenzorientiert (Auswendiglernen, Leistung reproduzierbar machen, Ausführung auf Befehl, bewertungsorientiert auf Basis von Zahlenwerten), d. h. sinnbildlich gesprochen: Die linke Gehirnhälfte wird „intensiver verwendet“ – im Bild der Yogis dominiert pingala, der Sonnenkanal. An diesem Punkt sind wir in der Sympathikuswelt angekommen: Leistung zählt, Geiz ist geil, 1 – 0, Kategorisierung, Erschöpfung durch „Verunmenschlichung“.
Zählen ohne Zahlen
Es gibt im Yoga ein „ungeschriebenes Gesetz“: das Verbot, mit Zahlen zu zählen, obwohl beispielsweise im zweiten Sutra zu Pranayama klar vom „Zählen“ (Ort, Zeit-Dauer, Qualität) gesprochen wird. Und trotzdem darf nicht über Zahlen gezählt werden. Aber warum und wie wird dann gezählt? Natürlich wird gezählt – nicht aber über 1 + 1, sondern in Form einer Komposition, eines „bildlichen Klanges“, in einer Art und Weise, in der die Wirkung der Handlung unmittelbar erfahren und nicht die Zahlen-Form in den Fokus gerückt wird.
Beispielsweise Pranayama, oftmals verwechselt mit einer simplen Atemübung. Pranayama ist eine Komposition, eine Symphonie. Den Rahmen bilden die Atemquantität und -qualität im „Raum-Zeit-Kontinuum“. Doch die Lebendigkeit kommt erst durch das Setzen und Öffnen der Verschlüsse, im perfekten Einklang mit den teils wandernden Konzentrationspunkten und dem inneren Klang des entsprechenden Mantras. Pranayama ist also ein Mantraklang, der sich über den Atem ausdrückt und seine Wirkung über die Lenkung (Verschlüsse und Konzentration) entfaltet.
„Als Akt“ ist Pranayama somit eine Verschmelzung von Verstand und Intelligenz, von linker und rechter Gehirnhälfte, Sonne und Mond und in seiner Wahrhaftigkeit die Überwindung der polaren Kräfte.
Jenseits der äußeren Form
Wird Pranayama oder die Asana-Praxis jedoch zu einem „Akt der äußeren Form“, in der das Unbeschreibliche normiert und in Werte-Form selektiert wird, drückt sich die Praxis in einer Robotermechanik aus, die sich in dem Glauben an Wiederholung manifestiert, Ausdruck von Intelligenz ohne jeden Verstand. Und wer in diesem Sinne praktiziert, was sich wiederum in einer "motivationsbedingten Disziplin" ausdrückt, verfestigt explizit "die Mechanismen des Leids" im System.
Yoga ist keine isolierte Praxis auf der Matte, auch wenn es durchaus hilfreich ist, sich diesen „Ort unter Laborbedingungen“ zu schaffen. Yoga ist die Verschmelzung von Verstand und Intelligenz, von Mythos und Logos, vom „Erkennen der Ordnung“. Doch wer die Schriften als mechanistische Anleitung zur Erlangung eines normativen Zieles liest, interpretiert und ausführt, wird unweigerlich im Kreislauf des Leides gefangen bleiben.
Diese Themen – Verstand und Intelligenz, das Zählen ohne Zahlen und die Praxis jenseits der äußeren Form – vertiefen wir im Workshop „Asanas & Philosophie Vertiefung“ am 06. - 08 November 2026 in LebensWelten.




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