Gedanken & Hintergründe zum Workshop "Leitfaden zur täglichen Yogapraxis"
„Leitfaden zur täglichen Yogapraxis“: Das klingt für viele erst einmal wie ein körperliches Fitnessprogramm mit Körper- und Atemübungen. Doch genau an diesem Punkt möchte ich ansetzen, denn hier entstehen bereits die Missverständnisse. Im Folgenden möchte ich das Wesen, meine Beweggründe und die Struktur des Workshops erläutern.
Yoga als natürliches Verhalten
Eine authentische Yogapraxis ist eine aus der Intelligenz heraus praktizierte Lebensweise, die sich in spezifischen Verhaltensweisen in bestimmten Situationen widerspiegelt. Ein simples Beispiel sind die Reinigungsübungen, die Shatkarmas. Shatkarmas, das klingt für einen Europäer mystisch und speziell, doch zu den Reinigungsübungen gehören auch ganz alltägliche Handlungen, die nichts anderes sind als logisches, intelligentes Handeln im Alltag. Wer in der Früh erwacht und Stuhlgang hat, wird sich im Anschluss den Anus waschen. Die gesammelten Stoffwechselablagerungen auf Zunge und Zähnen werden abgeschabt und geputzt. Dafür braucht es kein Studium der Quellschriften, es ist ein natürlicher Akt.
Diese Beschreibung offenbart bereits das Wesen des Workshops: zurück zu einem natürlichen Verhalten. Wer körperlich erschöpft ist, muss ruhen. Wer körperlich stagniert, muss sich bewegen. Wer Hunger hat, muss essen. Die gesamte Yogapraxis, ob Shatkarmas, Asanas, Pranayama, Pratyahara, Konzentration oder Meditation, lässt sich als „Tun unter Laborbedingungen“ beschreiben. Sie basiert auf einer Intelligenz, die sich in allen Phänomenen widerspiegelt. Das Universum ist ein Wunder, nicht ein Aspekt dürfte anders sein, alles existiert aus dieser Intelligenz. Doch die moderne Lebensweise hat uns verlernen lassen, „entsprechend der Ordnung zu handeln“.
Disziplinlose Disziplin
Aus dem heraus wird auch verständlich, dass Yoga keine Praxis der „profanen Disziplin des Wunsches“ ist, sondern eine disziplinlose Disziplin: ohne Erwartung eines Erfolges, dem Ausgleichsprinzip folgend. Der Mensch tut nichts ohne Druck. Ohne Druck in der Lunge kein Ein- und Ausatmen, ohne Trauer-Druck kein Weinen. Wir tun diese Dinge, um in einem pulsierenden Ausgleich der natürlichen Dynamik des Lebens zu sein. Dies ist ein wesentlicher Aspekt, der tief ergründet und verstanden werden muss. Er ist die Weggabelung zwischen spirituellem Ego-Aufbau und Loslösung von der Bindung zum Ego.
Doch was hindert uns daran, uns intelligent zu verhalten?
Worauf basiert der innere Schweinehund?
Ist Disziplin die Lösung?
Ist Motivation gar der direkte Weg in die Abgründe des spirituellen Egos?
Wir beschäftigen uns deshalb mit Yogaphilosophie: mit den Hindernissen (Antarayas) und den Gedankenwellen (Vrittis), und wir studieren die von Patanjali beschriebenen Lösungsansätze und Erklärungsmodelle, allen voran Übung und Loslassen (Abhyasa und Vairagya). Im Prinzip ist es so einfach und so alltagsnah, dass es unsichtbar erscheint, denn Yoga-Philosophie ist das gesamte Leben.
Tägliche Yogapraxis: Authentischer Yoga ist einfach
Und dann bauen wir eine individualisierte Yogapraxis auf, mit Reinigungsübungen, Körper- und Atemübungen, Konzentration, Meditation und Aufmerksamkeit-Gewahrsein. Dieser Themenkomplex stellt für viele eine Überforderung dar, aufgrund der Fülle an Informationen und der schier unendlichen Varianten an Übungen, von denen fast jede als „die wichtigste aller Übungen“ bezeichnet wird. Doch authentischer Yoga ist einfach. So einfach, dass damit unmöglich ein YouTube-Kanal „erfolgreich“ betrieben werden kann, nicht einmal nackt und bildhübsch, ohne damit beleidigend wirken zu wollen. Mehr oder weniger immer gleich, wenige Übungen, und diese einfach und still. Die gesamte Praxis für einen Menschen im normalen europäischen Alltag ist von der Dauer her so gestaltet, dass man sie auch am letzten Tag eines langen, gesunden Lebens noch praktizieren kann. Das mag viele erstaunen.
Der Grund liegt darin, dass die Haupt-Yogapraxis für Menschen mit Familie und Arbeit der Alltag ist. Das ist der Schlüssel. Wir unterscheiden im Yoga zwischen jenen Yogis und Yoginis, die zurückgezogen und ohne familiäre Bindung leben (Sannyasin), und jenen, die Familie haben und einer Erwerbstätigkeit nachgehen (Grihastha). Beide führen völlig unterschiedliche Leben, mit unterschiedlichen Kräften, die auf sie einwirken. Wer diese Kraft-Druck-Dynamiken in ihrer Gesetzmäßigkeit versteht, braucht keine Übungen auswendig zu lernen, sondern „sieht“. Und das ist ein zentrales Ziel dieses Workshops.
Asanas für Pranayama, Pranayama für Dharana
Natürlich stellen wir ein individualisiertes Praxisprogramm zusammen, angepasst an Fähigkeiten, Alter und Lebenssituation. Und diese Praxis unterscheidet sich grundlegend von dem, was wir aus den meisten Yogastudios und Yogavideos kennen. Denn ob Asanas oder Pranayama: Wir folgen dem achtgliedrigen Pfad Patanjalis und seiner Prana-Lehre. Nicht „Asanas für die Schultern“ oder „Asanas zum Abnehmen“, sondern Asanas für Pranayama, Pranayama für Dharana. Ohne hier tiefer darauf einzugehen: Das sind fundamental andere Ansätze und Ausführungsqualitäten in der Praxis.
Unterrichtet werden dabei die Prinzipien dahinter. Wer sie in ihrer Essenz versteht, versteht die unzähligen Stellschrauben und Zahnräder im Einzelnen wie auch ihr Zusammenspiel. Dieses Wissen offenbart auch die Wirkungen moderner dynamischer Yogastile, vor allem im Zusammenhang mit den Dosha-Grundtypen und Disharmoniemustern. Und es legt die Gefahren offen, die eine falsche Yogapraxis verursachen kann: auf körperlicher Ebene (Gehirn, Drüsen), auf psychischer Ebene (Instabilität, Traumata) und auf pranischer Ebene (Erkrankungen von Körper und Psyche).
Inhalte des Workshops
Shatkarmas: die morgendliche Routine zur Gesundheitsförderung. Entleerung, Säuberung, Verdauungsaktivierung, ein einfaches, hochwirksames Programm.
Asanas: die traditionelle Art der Praxis, mit individueller Ausführung, Auswahl, Reihenfolge und Zeiten, und der Unterschied zwischen traditionellen Asanas und modernen Stilen.
Pranayama: Praxis gemäß den Schriften, ein erster Schritt in die hochkomplexe Welt des Prana.
Mantra Japa: die Praxis mit Mantras, im Speziellen dem Gayatri Mantra und Omkara, die Praxis für Menschen mit Kopflastigkeit.
Dharana: Konzentration als Grundlage für Meditation.
Textstudium: ausgewählte Texte aus Patanjalis Yogasutras und der Hatha Yoga Pradipika, die ein klares Verständnis geben, warum wir wie praktizieren, oder eben nicht praktizieren.
Dein Programm: die Erarbeitung deines individuellen Yogaprogramms, das du im Workshop bereits übst.
Voraussetzungen und Rahmen
Für diesen Workshop sind keine anderen Workshops Voraussetzung, sehr wohl aber eine relativ regelmäßige eigene Praxis. Es ist ein Workshop für normalsterblich Ungelenkige: Es geht um Yoga, nicht um Bodenakrobatik. Wir arbeiten in einer echten Kleingruppe mit 3 bis maximal 8 Personen. Dazu gibt es ein Skript mit über 100 A4-Seiten und eine intensive Nachbetreuung per WhatsApp oder E-Mail, schriftlich oder per Video.
Der Leitfaden ist der erste Teil der Workshop-Reihe „Authentischer Yoga in moderner Zeit“. Darauf bauen die [Asanas & Philosophie Vertiefung] und der Workshop [Authentischer Pranayama] auf.
Leitfaden zur täglichen Yogapraxis | Burgenland 04. - 06. Dezember 2026 | LebensWelten, Bachstraße 23, 8383 WeltenEchte Kleingruppe, 3 bis maximal 8 Personen. Anmeldung unter [lebens-welten.at/yoga/leitfaden-yogapraxis]


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