Erdung im Stehen? Der Barkeeper hinter der Budl
Über Stehhaltungen, Schock und die Frage, wie Erdung tatsächlich geschieht
In der Yoga-Branche hört man immer wieder Sätze wie beispielsweise „Lass los, was dir nicht mehr dient“, „wir lösen deine Energieblockaden“, „erhöhe deine Schwingung“, „dein höheres Selbst weiß, was du brauchst“ oder „dieses Asana erdet“.
Wir Yogalehrer laufen teils Gefahr, durch Wiederholung von Behauptungen Thesen aufzustellen, die bei genaueren Nachfragen teils nur „schwach argumentierbar sind“ bzw. "schwach argumentiert werden".
Wie durch Wiederholung das Zählbare auf den Thron der Wahrheit gehoben wird, beschreibe ich in [Normwert Yoga].
Der Barkeeper hinter der Budl
Erdung, was bedeutet das? Nur weil ich eine stehende Körperposition einnehme, „erdet mich das“? Dann müssten Menschen, die in der Fabrik acht Stunden stehende Tätigkeit verrichten, oder der Barkeeper hinter der Budl die geerdetsten Menschen sein. Hintergrund meiner „spitzen Worte“ ist, dass im Yoga die Regel „wie im Kleinen, so im Großen“ (yatha pinde tatha brahmande) unabdingbare Gültigkeit hat. Wenn die Behauptung lautet, dass stehende Asanas zu mehr Erdung führen, müsste jede stehende Haltung zu jeder Zeit dazu führen.
Stehen per se kann also nicht Erdung sein. Wenn Stehen zu Erdung führen soll, muss unabdingbar das erste Asana-Sutra von Patanjali verwirklicht sein: sthira sukham asanam – die Haltung sei stabil und leicht. Erst dann ist eine Stehhaltung ein Asana, und erst dann kann sie - eventuell -erden. Doch dann würde nicht das Stehen alleine, sondern die Qualität, in der gestanden wird, die Wirkung entfalten lassen.
Ich höre oft von KollegInnen, dass Standpositionen der Erdung dienen. Interessanterweise spielten Standpositionen im authentischen Yoga so gut wie keine Rolle. In der Gheranda Samhita (17./18. Jahrhundert) finden sich mit Vrikshasana (dem Baum) und Garudasana (dem Adler) zwar zwei Haltungen, die heute als Standhaltungen praktiziert werden – die Fülle stehender Abfolgen, wie wir sie heute kennen, ist jedoch das Produkt eines Verkörperlichungsprozesses der Yogapraxis erst im letzten Jahrhundert.
Mehr zur Verkörperlichung der Praxis und warum Asanas im authentischen Hatha Yoga nicht bewegt werden: [Gedanken & Hintergründe zum Workshop].
Eine Frage ist auch, weshalb immer öfter stehende Asanas praktiziert werden und was dies über die unterrichtende Person aussagt – hinsichtlich deren Muster, Denkweise, Ego-Bindung etc.
Erdung im Alltag
Und dann sollten wir uns dem Thema Erdung auf profanste Weise nähern. Was bedeutet es in unserem Alltag? Erdung bedeutet „das Göttliche auf die Welt zu bringen“, „das Subtile im Groben zu verwirklichen“, „Stabilität in der phänomenalen Welt der Veränderungen zu leben“, oder einfacher gesagt „der Fels in der Brandung zu sein“, „Ruhe auch in stürmischen Zeiten zu bewahren“.

Jetzt stellen wir uns eine Situation vor, die für die betroffene Person einfach zu intensiv ist: Sie sieht beispielsweise einen Autounfall, ein geliebter Mensch erkrankt, die Sozialversicherung schickt eine Nachzahlungsaufforderung, etc. Eine Situation, deren Reiz-Input derart hoch ist, dass die Verarbeitungskapazität nicht reicht, sodass es zu einem „unvernünftigen Output“ kommt bzw. „das System kollabiert“.
Was der Körper im Schock tut
Was passiert nun körperlich? Hier müssen wir genau hinsehen, denn es geschieht in zwei Phasen.
Die Erstreaktion im Schock ist eine Mobilisierung: Der Mensch rennt weg, schlägt um sich oder bleibt „wie angewurzelt“ stehen. Die Sprache verrät es sogar – „wie angewurzelt“ –, und doch ist dieser Mensch in diesem Moment alles andere als geerdet. Er steht, aber er steht im Ausnahmezustand, die gesamte Kraft ist auf das Überleben ausgerichtet.
Reicht die Verarbeitungskapazität nicht mehr aus, folgt die zweite Phase: der Zusammenbruch des Systems. Und jetzt? Bekommt sie „starke Beine“? Was wird sie sagen? Etwa „Boah, jetzt muss ich erst einmal stehen bleiben“? Nein. Entweder sie bricht zusammen (die Erde-Kraft kollabiert und damit auch die Feuer-Beine-Kraft), oder sie sagt: „Ich muss mich erst einmal setzen.“
Was geschieht, wenn ein solcher Schock nicht verarbeitet, sondern als Trauma abgespeichert wird, und warum Yoga hier nicht automatisch heilt, beschreibe ich in [Trauma-Yoga?].
Aber warum? Stehende Asanas sind doch jenes, das erdet, haben wir gelernt und immer wieder wiederholt. Obwohl wir alle wissen, dass im authentischen Yoga mehr oder weniger nur sitzende Positionen praktiziert wurden. Warum also nimmt der Körper beim Kollaps der Erde-Kraft (Muladhara-Chakra) eine Sitzhaltung ein?
Natürlich! Weil der Körper immer in die Balance tendiert und die Körperhaltung dahingehend adaptiert, dass Dysbalancen ausgeglichen werden, um „das System vor dem Tod zu bewahren bzw. zu stabilisieren“. Wer Asanas lesen kann, sieht an den Körperhaltungen der Menschen exakt, welche Prozesse ablaufen, erklärbar auf den Ebenen der Energie, Physiologie und Psyche.
Wie die Körperintelligenz dabei spontan auf Asana, Mudra und Pranayama zurückgreift, zeigt das Beispiel eines Kindes, auf das eingeschrien wird: [Alignment der Elemente].
Wie geschieht Erdung tatsächlich?
Wir erkennen also: Bricht das System zusammen (z. B. im Schock als Erde-Kraft-Kollaps), tendiert der Körper niemals in eine Standposition, sondern ausnahmslos in eine Sitzposition (inklusive spezifischer Handhaltungen - mudras, Atemtechniken, etc.). Und wir wissen, dass der Körper dies tut, damit „er sich erdet“, also stabilisiert und „am Leben erhält“. Daraus ergibt sich die Frage:
Wie geschieht Erdung tatsächlich – welche Prozesse finden auf welcher Ebene (Psyche, Energie, Physiologie) statt, sowohl auf der Ebene des „Erdungsverlusts“ als auch der „Erdung“? Wenn man die Mechanismen und Dynamiken versteht, „sieht man sie im täglichen, stinknormalen Leben“.
Dies ist eines von vier Spezialthemen im Workshop „Asanas & Philosophie Vertiefung“. Wir gehen der Frage nach, wie Erdung auf den Ebenen von Psyche, Energie und Physiologie tatsächlich geschieht, wie wir Erdungsverlust und Erdung an den Körperhaltungen der Menschen ablesen können und was das für die Wahl, Qualität und Dauer jedes einzelnen Asanas bedeutet.
Die weiteren Spezialthemen:– Trauma – Prana – Handlung – Zwang– Die Gefahren einer mechanistischen Yogapraxis– Alignment aus Sicht der Elemente, Gunas und Prana
6. – 8. November 2026 und 26. – 28. Februar 2027
Spezialpreis für den November-Termin: € 360,– statt € 420,–
Infos und Anmeldung: https://www.lebens-welten.at/yoga/asanas-philosophie-vertiefung




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