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Kritik braucht Herleitung: Warum ich Yogi-Bhajan-Kriyas nicht in einem Facebook-Kommentar erkläre

vor 4 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Kürzlich hat mich eine Kundalini-Yogalehrerin auf Facebook gebeten, meine immer wieder geäußerte Kritik an den Kriyas von Yogi Bhajan konkreter darzustellen. Es ist eine Bitte, die eine ehrliche Antwort verdient. Nur passt diese Antwort nicht in ein Kommentarfeld auf Facebook, und zwar nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus methodischen Gründen. Darum hier im Bloq ausführlicher: woher meine Kritik kommt, nach welchen Kriterien ich vorgehe und warum ich dabei ohne die prana-Lehre nicht weiterkomme.

Woher meine Kritik kommt

Ich habe zehn Jahre lang praktiziert. In dieser Zeit hatte ich kein tiefes Verständnis der traditionell-authentischen pranischen Lehre dahinter, sie wurde mir von meinen damaligen Lehrern nicht in aller Tiefe vermittelt. Warum ein Kriya wie wirkt: welche Dynamiken und Gesetzmäßigkeiten dahinterliegen, wie sich die pranische Architektur verändert und damit das gesamte psycho-physische System. Was ich bekam, waren Wirkungsbeschreibungen aus den Skipten. Der Klassiker: "Yogi Bhajan hat gesagt, ..." . Das Kriya löst das Ego auf, stärkt das elektromagnetische Feld, öffnet das Herzchakra, reinigt die Aura. Das sind schlichte Behauptungen, jedoch keine Erklärungen. Als Yogalehrer ist es aber meine Verantwortung ein System "im Gesamten zu verstehen", bevor ich es vermittle.

Mein Guruji, ein Hatha- und Tantra-Yogi, lebt es mir vor. Jede Angabe, die er weitergibt, beruht auf einer authentischen Quelle, und wo sie das nicht tut, sagt er es klar und deutlich (Interpretation, Veränderungen, etc.). An diesem Maßstab messe ich seither, zuerst mich selbst, dann das, was ich unterrichte und was mir unterrichtet wurde.

Verantwortung, nicht Verwässerung

Kritik an Yogi Bhajan wird schnell als Angriff auf Kundalini Yoga gelesen oder als Angriff auf Menschen, die dort Halt und Gemeinschaft gefunden haben. Beides ist weder so gemeint, noch gewollt.

Mir geht es um das Gegenteil von Verwässerung. Yoga, egal welcher Tradition, ist eine Überlieferung, und wer sie unterrichtet, steht in einer Verantwortung: gegenüber den Lehrern und Lehrerinnen, von denen er sie empfangen hat, gegenüber der Tradition, die sie teils über Jahrhunderte präzise weitergegeben hat (nachweislich nicht im Falle von Yogi Bhajan), und gegenüber den Menschen, die uns ihren Atem und ihr Nervensystem anvertrauen, unserer Schüler*Innen. Diese Verantwortung verlangt Qualitätskriterien, für Übungen, für Linien, für Yogastile und ja, auch für Gurus (Lehrer*Innen).

Die Kriterien, die ich anlege

Wenn ich ein Kriya untersuche, stelle ich immer dieselben Fragen. Sie gelten für Yogi Bhajan genauso wie für jede andere Schule, auch für meine eigene Praxis.

Herkunft

Lässt sich die Lehre auf anerkannte Quellen zurückführen (Hathapradīpika, Gheranda Samhita, Yogasutra, Upanisaden) und auf eine lebende, überprüfbare Linie? Bei Yogi Bhajan lässt sich das nicht feststellen. Der Religionswissenschaftler Philip Deslippe hat 2012 in Sikh Formations gezeigt, dass das System in den späten 1960er Jahren in den USA zusammengestellt wurde, unter anderem aus Material des Hatha-Yoga-Lehrers Swami Dhirendra Brahmachari. Auch die Trennung in „Hatha Yoga" und „Kundalini Yoga" hält einer Übeprüfung nicht stand - näheres dazu im Workshop.

Methode

Gehe ich von der von Yogi Bhajan behaupteten Wirkung aus (sie in unzähligen Büchlein und Skripten beschrieben) und suche danach Erklärungen? Das wäre ein Zirkelschluss: Ich setze das Ergebnis voraus und suche Bestätigung. Ich gehe den umgekehrten Weg. Ich betrachte die Übung selbst und schließe daraus auf die Wirkung.

Drei Ebenen

Ich untersuche jede Übung physisch-strukturell (Knochenstellung, Muskelketten, Nervenirritationen, Zwerchfellspannung, Akupunktur- und Marma-Punkte, Atemtechnik), psychisch und energetisch (Elemente, gunas, prana). Daraus lassen sich eindeutige, reproduzierbare und argumentierbare Wirkungen erwarten und beschreiben.

Optimal und real

Jede Übung betrachte ich in der optimalen Ausführung durch eine vorbereitete, erfahrene Person und in der Ausführung, wie sie im Gruppenunterricht tatsächlich vorkommt - zumindest nicht korrekt, vor allem über den Zeitfaktor gesehen. Beides ist Realität, und ich muss beides beantworten können. Dazu kommt die Zeitachse: Was in der ersten Minute geschieht, ist nicht dasselbe wie in der zehnten. Atemchemie, Muskulatur, Nervensystem und Hormonausschüttung verändern sich laufend.

Einheitlichkeit der Überlieferung

In einer authentischen Überlieferung hat eine Technik eine präzise, unveränderliche Beschreibung. Wird derselbe Übungsabschluss in drei Quellen dreimal unterschiedlich beschrieben, ist das selbst schon ein auffälliger Befund.

Für wen?

Nennt die Übung Voraussetzungen und Kontraindikationen? Unterscheidet sie nach Konstitution, Alter, Vorerkrankungen? Ein System, das allen dieselbe Anweisung gibt, ist unverantwortlich und widerspricht allen klassischen Texten der körperlichen Yoga-Praxis.

Innere Stimmigkeit

Passen die Unterrichtsprinzipien zu den yamas und niyamas, auf die sich jede Yogatradition beruft? Yogi Bhajan lehrte „Fake it, you will make it". Ich frage: Wie verträgt sich das mit ahimsa und satya?

Prana ist mehr als eine Atemübung

Hier scheitern die meisten Diskussionen, und hier beginnt die Komplexität. Prana ist nicht das, was mit der Luft in die Lunge kommt. Prana ist Ausdruck des gesamten Lebens: wie und wann du isst, wie du schläfst, wie viel du arbeitest, ob du in einer Familie lebst oder allein, wie alt du bist, welche Vorerkrankungen du mitbringst und wie viel Alltag du mit in den Übungsraum trägst.

Ein Kriya trifft nie auf ein „statisches System", sondern auf einen konkreten Menschen mit einem konkreten Leben, eine dynamische Interaktion von Elementen und bioenergetischen Qualitäten. Nehmen wir dieselbe Übung und drei Menschen: eine Angestellte mit Bildschirmarbeit und zu wenig Schlaf, einen Selbständigen Mitte fünfzig mit erhöhtem Blutdruck, eine Pensionistin, die viel Zeit hat und wenig Kraft. Die Übungen werden von den drei Personen vollkommen unterschiedlich verarbeitet werden.

Dazu kommt die Ernährung, die in dieser Rechnung kein Beiwerk ist, sondern Teil der Übung. Manche Vorbereitungsprotokolle, die in der Kundalini-Welt kursieren, laufen aus ayurvedischer Sicht der Absicht der Übung diametral zuwider und verstärken die pranischen Wirkungen zusätzlich. Wie das zusammenhängt, klären wir im Workshop, Schritt für Schritt und mit Quellen.

Warum ich das nicht auf Facebook ausbreite

Ein Kommentar auf Facebook hat Platz für ein "Ergebnis", aber nicht für die Herleitung des Ergebnisses. Und ein Ergebnis ohne Herleitung ist genau das, was ich bei Yogi Bhajan so kritisch sehe: eine simple Behauptung. Würde ich schreiben, ein bestimmtes Kriya belaste das Zwerchfell, wäre das nur eine Gegenbehauptung, nicht besser als die Wirkungsversprechen, die ich kritisiere.

Meine Ergebnisse sind keine Bewertungen. Es sind nüchtern betrachtet zwangsläufige Wirkungen, die sich aus Körperstruktur, Atemtechnik, Zeitverlauf und Konstitution ergeben. Um sie zu verstehen, braucht es aber die prana-Lehre. Ohne sie bleibt jede Aussage in der Luft, und dann liest sie jeder nach seiner Vorliebe, als Bestätigung oder als Angriff.

Deshalb mache ich es dort, wo Platz ist: im Workshop. Wir studieren drei Praxiselemente (Breath of Fire, das Kriya Ego-Zerstörer und Caliber of Life) anhand der Grundschriften der prana-Lehre und übertragen die Erkenntnisse auf Lebensweise, Ernährung, Arbeitsbelastung, Alter und Vorerkrankungen. Das Ziel ist kein allgemeines Urteil, das ich mitgebe, sondern die Fähigkeit situationsbedingt beurteilen zu können. Wer eine Übung selbst lesen kann, braucht keine vorgegebene Wirkungsbeschreibung mehr. Das ist der Unterschied zwischen einem Schüler, der glaubt, und einem Schüler, der versteht.

Was ich mir selbst abverlange

Was ich von anderen verlange, muss ich zuerst selbst erfüllen. In meinen Skripten kennzeichne ich deshalb jede Aussage: Q steht für das, was aus einer Quelle belegt ist, I für meine eigene Interpretation. Wo ich eine Synthese betreibe, etwa aus Neuroanatomie, TCM und Ayurveda, steht das ausdrücklich dabei. Wer meine Kritik prüfen oder widerlegen will, findet dort die Stellen, auf die ich mich beziehe bzw. die das Fundament meiner Meinung sind. Widerspruch mit Quellen ist mir jederzeit lieber als Zustimmung ohne.

Worum es mir am Ende geht

Ich sage nicht, dass Kundalini Yoga nicht wirkt. Es wirkt. Die Frage ist, wie, für wen und warum, und ob wir als Lehrerinnen und Lehrer das beantworten können, bevor wir Menschen in eine Praxis führen, die ihr Nervensystem ernsthaft fordert. Diese Frage ist der Kern meiner Kritik, und ich stelle sie an mich selbst genauso.

Wenn du sie mit mir durchgehen möchtest: Termine und Anmeldung findest du auf www.lebens-welten.at/yoga/authentischer-pranayama.

Im Workshop Authentischer Pranayama gehen wir diesen Fragen im Detail nach – Breath of Fire, der Ego-Zerstörer und Caliber of Life, anhand der Grundschriften und mit den hier skizzierten Kriterien.

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